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Zwischen Angst und Hoffnung: Mein Weg vom bedrohten Journalisten in Afghanistan zu einem neuen Leben in Deutschland

18. März 2026

Ich habe viele Jahre meines Lebens in Afghanistan verbracht – in einem Land, das trotz der Präsenz der NATO nicht zur Ruhe kam, sondern mit jedem Tag verwundeter wurde. Unsicherheit war kein Wort mehr, sondern Teil unseres Atmens. Entführungen, Terroranschläge, gezielte Tötungen und das Verschwinden von Menschen wurden zu alltäglichen Nachrichten. Angst war kein vorübergehendes Gefühl mehr; sie lebte mit uns, sie schlief mit uns ein und wachte mit uns auf.

Inmitten dieser Dunkelheit standen Journalistinnen und Journalistenbesonders im Fadenkreuz. Wir waren die Stimme der Menschen – und genau dieseStimme war für manche unerträglich. Die Wahrheit auszusprechen hatte einenhohen Preis. Journalist zu sein war kein Beruf, es war ein Leben am Rand desTodes.  

Auch ich wurde als Journalist mehrfach bedroht. Ich lebte in Kundus,doch die Gefahr war nicht auf eine Stadt begrenzt. Von Kundus bis Kabulverfolgten und bedrohten mich Netzwerke und Personen, die den Talibannahestanden. Diese Drohungen existierten nicht nur auf Papier oder am Telefon –sie waren auf der Straße, in Blicken und in bedrückendem Schweigen spürbar. DieGefahr eines Attentats war real und nah.

 

Ich kam an einen Punkt, an dem ich mich nicht länger mit falscherHoffnung beruhigen konnte. Es blieb keine Wahl. Zu bleiben bedeutete den Tod –nicht einen plötzlichen, sondern einen langsamen Tod, begleitet von Angst undWarten. So war ich gezwungen, mein Land zu verlassen. Nicht aus Wunsch, nichtfür ein besseres Leben, sondern einzig, um zu überleben.

 

Der Weg der Migration ist kein menschlicher Weg. Er ist geprägt vonErniedrigung, Schlaflosigkeit, Unsicherheit und dem Zerbrechen des eigenenStolzes. Man lässt alles zurück: das Zuhause, die Identität, Erinnerungen –sogar die eigene Sprache. Ich erreichte Deutschland; ein Land, das für mich indiesem Moment kein Traumziel war, sondern der letzte mögliche Zufluchtsort.

 

Doch das Ankommen bedeutete nicht das Ende des Leidens. Gleichzeitigmit unserer Ankunft hatte sich das politische Klima in Deutschland verändert.Politische Abkommen mit Afghanistan führten dazu, dass die Türen der Aufnahmeenger wurden. Vielen von uns wurden grundlegende Rechte verwehrt, darunter derZugang zum Deutschunterricht. Integration, die eigentlich eine Brücke zurückins normale Leben sein sollte, wurde zu einer weiteren Hürde. Warten,Prüfungen, komplizierte Regeln und manchmal misstrauische Blicke bestimmtenunseren Alltag.

 

In einem neuen Land zu leben, mit einer Sprache, die man nichtversteht, einer Kultur, die man nicht kennt, und einem Arbeitsmarkt, der einemnicht vertraut, ist nicht leicht. Der Verlust der eigenen Rolle, seelischeErschöpfung und Einsamkeit gehören zur unsichtbaren Realität der Migration –einer Realität, die in Statistiken nicht auftaucht. Oft fragt man sich: „War esdas wert?“

 

Doch mitten in all diesen Schwierigkeiten verändert sich etwas imInneren des Menschen. Dieser Weg wurde zu unserer Schule des Lebens. Wirlernten, wieder aufzustehen, von vorne zu beginnen, Verantwortung für unserLeben zu übernehmen und statt Opfer zu bleiben, Gestalter zu werden. Wirlernten, dass Geduld nicht nur Aushalten ist, sondern eine Fähigkeit.

 

Neben all dem Leid begegneten wir auch einer anderen Seite derdeutschen Gesellschaft: Menschen, die halfen, ohne nach unserer Vergangenheitzu fragen. Menschen, die uns mit Respekt, Mitgefühl und Vertrauen begegnetenund uns die Chance gaben, gesehen zu werden – nicht nur geduldet. Sieerinnerten uns daran, dass man weiterhin an die Gesellschaft, an den Menschenund an die Zukunft glauben kann.

 

Und heute, wenn ich auf den zurückgelegten Weg blicke, weiß ich:Migration ist nicht nur das Überschreiten einer geografischen Grenze. Migrationbedeutet, Angst zu überwinden – dem Tod, dem Zusammenbruch, dem verletztenSelbst der Vergangenheit zu entkommen. Migration bedeutet, neu geboren zuwerden: ohne Garantie, ohne festen Plan, aber mit einer hartnäckigen Hoffnung,die es nicht zulässt, aufzugeben.

 

Und diese Geschichte ist noch nicht zu Ende.  

Denn wir stehen noch. Wir kämpfen noch. Und wir glauben noch immerdaran, dass selbst aus den Trümmern eine Zukunft entstehen kann.