Ich wurde nicht in einem friedlichen Land geboren.
Ich bin nicht in Sicherheit aufgewachsen.
Ich bin in einer Umgebung groß geworden, in der Schüsse häufiger waren als Hoffnung, in der Tötungen alltäglich waren und das menschliche Leben oft keinen Wert hatte.
Somalia ist ein Land, das sich noch immer von über 30 Jahren Bürgerkrieg erholt. Ein Land mit tiefen politischen und gesellschaftlichen Konflikten. Ein Land, in dem Clan-Strukturen und politische Machtkämpfe dominieren, in dem Korruption weit verbreitet ist und viele Entscheidungsträger weder das Volk noch das Land schützen.
Meine Kindheit war geprägt von ständiger Angst und dem Kampf ums Überleben.
Es gab Nächte, in denen wir nicht wussten, ob wir am nächsten Morgen noch leben würden.
Es gab Tage ohne sicheres Wasser und ohne Essen.
Doch all dieses Leid hat mir eine große Lektion beigebracht:
Das Leben hat einen Wert – selbst wenn es sehr schwer ist.
Mit 13 Jahren begannen bewaffnete Gruppen, Kinder zwangsweise zu rekrutieren. Auch ich wurde festgehalten. Mir wurde meine Kindheit genommen, und ich wurde gezwungen, an einem Krieg teilzunehmen, den ich nicht gewählt hatte.
Diese Erfahrung hinterlässt Narben, die niemals ganz verschwinden. Sie hat mir vieles genommen – aber sie hat mir auch einen starken Überlebenswillen gegeben.
Um zu entkommen, machte ich mich allein auf eine gefährliche Reise innerhalb des Landes. Ich war obdachlos, musste teilweise um Essen bitten. Bildung war nicht selbstverständlich. Medizinische Versorgung gab es kaum.
Doch es gab auch Menschen mit Menschlichkeit. Menschen, die halfen. Diese kleine Gemeinschaft gab mir Hoffnung. Ich lernte: Selbst im größten Dunkel existiert ein kleines Licht.
Eine Frage begleitete mich immer:
Wie rettet man eine Gesellschaft, wenn ihre Stimme verstummt ist?
Meine Antwort war der Journalismus.
Ich habe den Journalismus nicht gewählt, weil ich ihn studiert habe oder weil er ein angesehener Beruf ist. Ich habe ihn gewählt, weil ich gesehen habe, was passiert, wenn niemand die Wahrheit ausspricht.
Ein Journalist steht zwischen Macht und denen ohne Macht. Doch in Somalia gibt es keinen sicheren Mittelweg. Wer die Wahrheit sagt, macht sich Feinde.
Journalismus ist dort nicht nur ein Beruf – er ist lebensgefährlich.
Es gibt politischen Druck.
Es gibt Clan-Anschuldigungen.
Es gibt bewaffnete Gruppen, die Journalisten als Feinde betrachten.
Es gibt keinen funktionierenden Rechtsstaat, der Schutz garantiert.
Journalisten stehen oft vor drei Entscheidungen:
– Die Regierung loben und andere Gruppen provozieren.
– Den Beruf aufgeben.
– Oder das Land verlassen – die sicherste Option.
Ich habe lange versucht zu bleiben. Ich arbeitete bei Radio- und Fernsehsendern wie Royal Somali TV und RTN Somali TV sowie bei weiteren Medienhäusern. Außerdem arbeitete ich im Büro des Parlamentspräsidenten als Medienkoordinator. Ich hoffte, eine offizielle Position würde mir Schutz geben. Doch die Realität war anders.
In Somalia werden Arbeitsplätze oft nach Clan-Zugehörigkeit vergeben, nicht nach Qualifikation. Journalisten gehören keinem Clan – sie gehören der Wahrheit. Korruption ist extrem hoch. Selbst Gehälter von Zivilangestellten und Soldaten werden unterschlagen. Beförderungen erfolgen nach Clan-Struktur. Gerechtigkeit existiert kaum.
2022 erhielt ich die Ehre, am International Visitor Leadership Program (IVLP) der USA teilzunehmen. Diese Auszeichnung war Anerkennung – aber auch Gefahr. Extremistische Gruppen betrachten solche Programme als Verrat. Ich erhielt Drohungen. Man wusste, wo ich wohnte und wohin ich ging.
Ich stand vor einer bitteren Entscheidung:
Bleibe ich – mit dem Risiko zu sterben?
Oder verlasse ich mein Heimatland?
Ich entschied mich für das Leben.
Auch persönlich trage ich Schmerz: Meine Mutter ist verstorben, und ich konnte ihr Grab nicht besuchen, weil die Sicherheitslage es nicht zulässt.
Der Weg nach Europa war nicht einfach. Seit 2015 versuchte ich, legal auszureisen. Erst 2024 – nach neun Jahren Hoffnung und Warten – gelang es mir.
Meine Reise führte über Rom und Mailand, weiter nach Innsbruck in Österreich, nach München und schließlich nach Hamburg. Am 13. Mai 2024 kam ich in Hamburg an. Menschen halfen mir, die Asylstelle in Bergedorf zu finden. Dort begann mein neues Leben in Deutschland.
Zum ersten Mal sah ich:
Polizisten, die keine Angst verbreiten.
Sicherheitskräfte ohne schwere Waffen im Alltag.
Menschen, die friedlich zusammenleben.
Zum ersten Mal bedeutete Stille nicht Angst – sondern Frieden.
Hamburg wurde mein Neuanfang.
In einem neuen Land muss man alles neu lernen: Sprache, Kultur, Regeln. Ich begann meinen Sprachkurs im Camp Schlachthofstraße in Harburg bei freiwilligen Lehrerinnen des JIA-Zentrums. Später erreichte ich das Niveau B1. Mein Verständnis ist gut, aber das Sprechen fällt mir noch schwer. Ich arbeite weiter daran. Sprache bedeutet mehr als Worte – sie bedeutet Teilhabe.
Integration ist nicht einfach. Es gibt Einsamkeit und Unsicherheit. Viele Briefe und Formulare. In Somalia existiert kein funktionierendes Postsystem – deshalb war selbst das Beantworten von Briefen eine neue Herausforderung für mich.
Doch hier gibt es ein funktionierendes System. Es gibt Gesetze, die für alle gelten. Es gibt Institutionen wie den Hamburger Integrationsrat, die Integration fördern.
Schlusswort
Ich bin nicht nur aus Schutz nach Deutschland gekommen – sondern wegen einer Zukunft. Einer Zukunft für mich und für meine zukünftigen Kinder. Ich wünsche mir, dass sie ohne Angst aufwachsen. Dass sie zur Schule gehen, ohne Schüsse zu hören. Dass sie träumen dürfen.
Integration bedeutet nicht, seine Identität aufzugeben. Integration bedeutet, seine Fähigkeiten in die neue Gesellschaft einzubringen.
Meine Geschichte ist nicht einzigartig. Sie steht für Tausende Menschen, die nicht aus Komfort fliehen – sondern um zu leben.
Ein Flüchtling ist keine Zahl in einer Statistik.
Er ist ein Mensch mit einem Namen, einer Geschichte und Hoffnung.
Heute stehe ich nicht als Opfer hier.
Ich stehe hier als Überlebender – bereit, einen Beitrag zu leisten.
Ich danke Deutschland, insbesondere der Stadt Hamburg und dem Bezirk Harburg, sowie allen, die sich für Integration einsetzen.
Meine Geschichte begann im Krieg. Heute geht sie mit Hoffnung weiter.
